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So, 21.12.2014 | Hannes Heer: Geschichtsdebatten Teil 4: Die Walser-Debatte 1998

Teil 4 – Mitglieder von NSDAP und Waffen-SS erinnern sich: Die Walser-Debatte 1998 und die Grass-Skandale 2002 -2012
Einlass 20.00 Uhr, Beginn 20.30 Uhr

Die Debatte um Martin Walsers Frankfurter Friedenspreisrede 1998 entzündete sich an dessen Angriff auf die öffentlichen wie privaten Versuche, die historische Schuld der Deutschen zu akzeptieren und deren Opfer zu gedenken. „Ich habe lernen müssen wegzuschauen“, so Walsers trotziges Credo, „ auch im Wegdenken bin ich geübt. An der Disqualifizierung des Verdrängens kann ich mich nicht beteiligen.“ Anlass seines Lob des „Wegsehens“ und „Verdrängens“ war das deutliche erinnerungspolitische Zeichen, dass die Bundesrepublik mit dem Mahnmal für die ermordeten europäischen Juden mitten in der Hauptstadt gesetzt hatte und die gleichzeitig laufende Wehrmachtsausstellung, die an den Völkermord an den slawischen Völkern durch Wehrmacht, Polizei und SS erinnerte. Walser nannte ersteres einen „fußballfeldgroßen Alptraum“ und letztere eine „Unflatexplosion“, mit der jeder Soldat zum „Mitglied einer Verbrecherbande“ gemacht worden sei. Beides diene, so unterstellte er, nicht dem Gedenken, sondern „der Instrumentalisierung unser Schande zu gegenwärtigen Zwecken“. Auschwitz als „Einschüchterungsmittel“ und „Moralkeule“ für Holocaust-Business. Als Walser Freund und Wehrmachtskamerad Augstein in einem im SPIEGEL abgedruckten Gespräch der Beiden davon sprach, dass das Denkmal gegen das „sich neu formierende“ wiedervereinigte Deutschland gerichtet sei und den Einfluss der ausländischen Drahtzieher des „aufgezwungenen Brandmals“ mit dem Adenauer Zitat „Das Weltjudentum ist eine große Macht“ – umschrieb, protestierte der vormals linke, der DKP verbundene Schriftsteller nicht: HJ-Erfahrungen und NSDAP-Mitgliedschaft Walsers wirkten als Nationalismus und subtiler Antisemitismus offensichtlich weiter. Ignaz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, der mit seinem Sitzenbleiben nach der Rede und dem Wort von dem Friedenspreis-Redner als „Brandstifter“ die Debatte erzwungen hatte, zog nach deren Ende eine resignierte Bilanz: „Ich habe wenig erreicht. Es ist im Gegenteil so, dass die Mehrheit, die [nach Walsers Auskunft]seine Rede als befreiend empfunden habe, sich ermutigt fühlt.“

Walsers Schriftsteller-Kollege und ebenfalls Vorzeigedemokrat, allerdings von SPD-Gnaden, Günter Grass sollte 2002, 2006, 2008 und 2012 zum Zentrum eines quasi permanenten Skandals werden: Er initiierte mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ zeitgleich mit Jörg Friedrichs „Brand“-Buch zum Bombenkrieg den Umschwung der öffentlichen Wahrnehmung der Deutschen als Volk der Täter zu dem der Opfer. Dann outete sich der Altnazi-Jäger und Feind der braunen CDU/CSU Netzwerke, der immer behauptet hatte Flakhelfer, RAD-Mann und Wehrmachtssoldat gewesen zu sein, als Mitglied der im Nürnberger Prozess zur „verbrecherischen Organisation“ erklärten Waffen-SS und offenbarte damit ohne jede Reue eine 60-jährige Lebenslüge. Schließlich entwarf er mit der Erfindung von sechs Millionen durch die Sowjetunion „liquidierter“ deutscher Kriegsgefangener und der Behauptung, Israel bereite mit seinen geplanten Angriffen auf die iranischen Atomanlagen einen „neuen Holocaust“ vor, eine Gegenrechnung zur deutschen Schuld. Für Walder waren die Deutschen mit den ehemaligen Gegnern quitt: Die Rechnung für die deutschen Verbrechen war bezahlt. Der öffentliche Aufschrei ob dieser Tabubrüche blieb aus. Grass behielt sein Parteibuch, die Ehrenbürgerschaft von Danzig, sein Lübecker Museum wie den Nobelpreis und hinterließ die Frage, ob damit das Ende der Skandale und des Ringens um den angemessenen Umgang mit der Erblast der Nazivergangenheit Deutschlands erreicht sei. Für die Mehrheit der Nazi-und Kriegsgeneration war Grass einer der ihren geworden, die SPD hatte den letzten Rest ihres aus dem Exil geretteten Antifaschismus aufgegeben. Der Marktwert eines Nobelpreisträgers zählte mehr.

In Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der KZ Gedenkstätte Neuengamme und der Evangelischen Akademie der Nordkirche.