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So, 30.11.2014 | Hannes Heer: Geschichtsdebatten Teil 3: Die Volksgemeinschaft vor Gericht: Jenninger-Rede (1988)

Einlass 20.00 Uhr // Beginn 20.30 Uhr

Bundestagspräsident Philipp Jenninger, ein prominentes Mitglied der regierenden CDU, hatte 1986 den Gedenktag an den 9. November 1938 zum Anlass genommen, erstmals im Bundestag statt der jüdischen Opfer die deutschen Täter ins Scheinwerferlicht zu rücken. Die Volksgemeinschaft habe Hitler ab 1935 zugejubelt, weil er sie nicht nur aus dem sozialen Elend in der Endphase der Weimarer Republik erlöst, sondern auch Deutschland aus den Fesseln des Versailler Vertrages befreit und zu neuer nationaler Größe geführt habe. Mit einem scharfen Schnitt zu dieser in „erlebter Rede“ vorgetragene Lagebeschreibung einer offensichtlich glücklichen Volksgemeinschaft hatte der Bundestagspräsident die Frage gestellt, wie viele Deutsche um die gleichzeitig begonnene Verfolgung der Juden gewusst und wie viele in der Endphase an deren Vernichtung direkt mitgewirkt hätten. Seine Antwort ließ aufhorchen: Jeder habe die Ereignisse der Pogromnacht erlebt oder davon erfahren, und die Deportationen seien in aller Öffentlichkeit vor sich gegangen. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion habe dann der Holocaust begonnen.
„Das millionenfache Verbrechen“, so Jenninger, habe „aus den Taten vieler einzelner“ bestanden. Mitglieder der GRÜNEN und der SPD hatten schon von Beginn an die Rede mit Zwischenrufen gestört und verließen schließlich unter Protest das Parlament. Anschließend berieten alle Fraktionen über den Skandal und erzwangen den sofortigen Rücktritt Jenningers – die GRÜNEN, weil sie ihn für einen Faschisten hielten, die SPD, weil sie ihm Missachtung der Opfer vorwarf, die CDU/CSU, weil sie entsetzt war, dass ihr Parteifreund eine neue Kollektivschulddebatte angestoßen hatte. „Man darf noch nicht alles beim Namen nennen in Deutschland“, so hatte Philipp Jenninger selbst seinen erzwungenen Abgang kommentiert und damit den Konflikt zutreffend gedeutet.

Auch die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, die seit 1995 in 34 deutschen und österreichischen Städten präsentiert worden war und fast eine Million Besucher gefunden hatte, endete mit einem Eklat: Sie wurde 1999 unter dem Vorwand angeblich gefälschter Fotos zurückgezogen. Die Ausstellung hatte gleich mehrere Tabus gebrochen, indem sie behauptete,

– dass der Holocaust nicht in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern, sondern 1941 in der besetzten Sowjetunion mit Massenerschießungen hinter der Front unter Beteiligung der Wehrmacht begonnen worden war,

– dass auch die Dezimierung der sowjetischen Bevölkerung geplant war und mit fast 30 Millionen Opfern genozidale Ausmaße erreicht hatte,

– dass nicht die SS und ein paar fanatische Nazis in der Wehrmacht, sondern die Wehrmacht mit 10 Millionen Soldaten dafür verantwortlich gewesen war,

– und dass die Fotos, die die Landser im dreijährigen Einsatz für das Familienalbum zu Hause geschossen hatten, nun in aller Öffentlichkeit in der Ausstellung gezeigt und damit erstmals zu einer bedeutende Quelle für Täterschaft und Mitwisserschaft gemacht wurden.

Die 1995 eröffnete Hamburger Ausstellung spaltete das Land – Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und Spiegel unterstützten sie, FAZ, Welt, Focus hetzten dagegen. Der Verteidigungsminister verbot der Bundeswehr jeden Kontakt mit dem Schandobjekt, CDU- Bürgermeister erschienen nicht zur Eröffnung in ihren Städten, der Bayerische Kultusminister warnte die Lehrer vor Klassen-Besuchen, die Münchner CSU rief zum Besucherboykott auf und 5000 Neonazis versuchten vergebens zum Ausstellungsort vorzudringen. Was im März 1999 misslang, die Ausstellung mit einem Bombenanschlag in Saarbrücken zu zerstören, schafften zwei Historiker aus Polen und Ungarn im Oktober – ihre Behauptung, 10 Fotos zeigten Opfer des NKWD und 90 % der Fotos hätten mit Wehrmachtsverbrechen nichts zu tun, führte zum Rückzug der Ausstellung.
Obwohl eine internationale Kommission nur 2 Fotos mit falschen Bildlegenden des Archivs fand und im übrigen die Thesen der Ausstellung bestätigte, präsentierte Jan Philipp Reemtsma 2001 eine neue Ausstellung, die auf die genannten Tabubrüche verzichtete. Die Fotos der Landser waren jetzt durch Porträts von 40 Generälen ersetzt: Die Wehrmachtsführung war schuld.

In Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der KZ Gedenkstätte Neuengamme und der Evangelischen Akademie der Nordkirche.

Diese Veranstaltung ist die Fortsetzung einer Veranstaltung die am 26. Oktober 2014 im Golem stattgefunden hat. Den Mitschnitt dieser Vorgängerveranstaltung finden Sie hier: