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So, 25.11.2012 | Helmut Dahmer: Arthur Rimbaud. Die Niederschlagung der Commune und das Verstummen der Poesie

Dritter Teil der Reihe KUNST, SPEKTAKEL, REVOLUTION aus Weimar zu Gesellschaftskritik und Ästhetik, live mitgeschnitten am 25. November 2012 im Golem. Vortrag von Prof. Dr. (Wien)

»Rimbaud war Rebell. Einer, der seine eher sanftmütige Natur gegen Erniedrigung und Depravation panzerte. Der auf Veränderung für sich und andere aus war und nach dem Geheimnis suchte, ›das Leben ändern‹. Der wußte, als er es für sich gefunden hatte, daß er damit zu einer ›ernsten Gefahr in der Gesellschaft‹ werden konnte. Sie hat ihm seine Anmaßung bis heute nicht verziehen, diese Gesellschaft der Bourgeoisie. […] Rimbaud kann indes nicht anders denn als Zeitgenosse der Pariser Commune die ein ›neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit‹ (Marx) war, gelesen werden. Der Aufstand der Pariser Communarden und ihre Niederlage sind die geschichtliche Grunderfahrung, deren Spuren das gesamte Werk auf eine nicht auf der flachen Hand liegende Weise durchziehen. Dieses Werk des frühreifen Dichters, Musterschüler seiner Klasse und brillanter Kenner der klassischen Rhetorik, ist in nur fünf Jahren zwischen 1870 und 1875 entstanden. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren erarbeitete Rimbaud seine Dichtungen, die nicht nur der französischen Poesie ganz neue Möglichkeiten erschließen sollten, sondern die ›eine kopernikanische Wende der modernen Dichtung‹ (Werner Krauss) überhaupt einleiten.« [Karlheinz Barck]

»Arthur Rimbaud und zwei seiner Zeitgenossen – der zehn Jahre ältere Nietzsche und der anderthalb Jahre jüngere Freud – haben zur Entzauberung (oder Depossedierung) des Ichs in besonderer Weise beigetragen, indem sie in seinem Inneren selbst ein Anderes, ein Nicht-Ich kenntlich machten.« [Helmut Dahmer]

Arthur Rimbaud (1854-1891)
Das ungewöhnliche Leben und die so befremdlichen wie faszinierenden Dichtungen Arthur Rimbauds haben in den 120 Jahren, die seit seinem Tod in Marseille vergangen sind, in steigendem Maße das Interesse von Experten und Publikum auf sich gezogen. Darum sind wir heute über ihn weit besser informiert als seine Zeitgenossen und seine Wiederentdecker, die französischen Surrealisten. Seine Dichtungen entstanden in den Jahren 1869-1875, sind also das Werk eines 15- bis 21Jährigen. Von seinen Lektüre-Abenteuern abgesehen, waren in dieser Zeit der deutsch-französische Krieg, die Pariser Commune und die schwierige Vaganten-Freundschaft mit dem 10 Jahre älteren Verskünstler Paul Verlaine prägend für ihn. Er schrieb, ein Dichter müsse sich „sehend“ machen, um mehr und anderes wahrzunehmen (oder vorauszusehen) als seine Zeitgenossen und seine Visionen dann in unerhörten Bildern und Versen zum Ausdruck bringen. 1875 gab er – unter der Losung „il faut être absolument moderne“ – abrupt das Dichten auf. Die in den nächsten 15 Jahren von ihm geschriebenen Briefe und Reportagen nehmen in dem auf uns gekommenen Werk einen weitaus größeren Platz ein als seine Dichtungen. Nach Reisen, die ihn um die halbe Welt führten, verdingte er sich im jemenitischen Aden bei einer französischen Unternehmung, die mit Kolonialwaren aus Afrika handelte, und bereiste in den achtziger Jahren, geschäftliche und ethnologische Interessen verbindend, von Harrar (Äthiopien) aus noch kaum erforschte Gegenden (Ogaden). Schließlich versuchte er, sich als Waffenhändler selbständig zu machen. Stets mehr oder weniger erfolgreich, war er doch stets zutiefst unzufrieden mit seiner Situation. Nichts fürchtete er so sehr wie die Festlegung auf eine bestimmte Tätigkeit an einem bestimmten Ort. Darum war sein Leben das eines Nomaden oder eines Flüchtlings. Es scheint, dass keine seiner Unternehmungen und keines seiner Abenteuer es mit dem aufnehmen konnten, was er sich in seiner Jugend, auf den Wanderungen mit Verlaine und schreibend in der Ferme seiner Mutter im Dorf Roche, sich erträumt hatte – im „Trunkenen Schiff“, in der „Zeit in der Hölle“ und in den „Illuminationen“.

Zitat: „Zuletzt ist es am wahrscheinlichsten, dass man eher hinkommt, wo man nicht hin will, und eher tut, was man nicht möchte, und dass man ganz anders lebt und stirbt, als man jemals wollte, ohne Hoffnung auf irgendeine Art von Ausgleich.“ (Brief aus Aden an die Familie vom 15. 1. 1885)

Prof. Dr. Helmut Dahmer (Jg. 1937) studierte Soziologie und Philosophie bei Helmuth Plessner, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas. In den Jahren 1968-1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche. 1984 gehörte er zum Gründungsbeirat des Hamburger Instituts für Sozialforschung. 1974-2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Er ist Herausgeber einer deutschsprachigen, kommentierten Edition von Schriften Leo Trotzkis, von der bisher 7 Bände erschienen sind. Seit 2002 lebt er als freier Publizist in Wien.

Publikationen:
Libido und Gesellschaft (1973, 1982; Neuauflage 2013); Pseudonatur und Kritik (1994); Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert (2001); Divergenzen (2009); Die unnatürliche Wissenschaft (2012); Interventionen (2012).